
Die Ostslawen sind ein Zweig der Slawen, die sich nach sprachlichen und kulturellen Kriterien von den West- und Südslawen unterscheiden, wobei eine Zuordnung für die Zeit bis zum 10. Jahrhundert nicht immer eindeutig ist. Zu den Völkern, die aus den mittelalterlichen ostslawischen Stämmen hervorgegangen sind, zählen heute Russen, Ukrainer, Belarussen und Russinen.
Siedlungsgebiet
Das Siedlungsgebiet der Ostslawen erstreckte sich im Frühmittelalter von Ostpolen bis zum Schwarzen Meer im Süden und dem Ilmensee im Norden. Sie grenzten im Westen an westslawische, im Nordwesten an baltische, im Norden und Nordosten an finno-ugrische, im Süden an turkstämmige und im Südwesten an südslawische Stämme.
Im Verlauf der fortschreitenden slawischen Ostsiedlung wurden im zentralrussischen Raum baltische und finno-ugrische Stämme assimiliert.
Geschichte
Seit dem späten 6. Jahrhundert siedelten slawische Stämme entlang der großen Flüsse wie Dnepr, Prypjat und Dnister.
Über die Entstehung und Ausbreitung ostslawischer Stämme gibt es nur sehr wenige schriftliche Aussagen.
Erwähnungen
Bayerischer Geograph
um 850/890
- Buschanen am westlichen Bug
- Ulitschen zwischen Dnepr und Südlichem Bug
- Tiwerzen
Nestorchronik zu
um 864
- Ilmensee-Slowenen am Ilmensee bei Nowgorod und am Wolchow
- Kriwitschen an der Düna bei Polazk
um 885
- Poljanen am Dnepr bei Kiew,
- Drewlanen am unteren Prypjat bei Iskorosten
- Sewerjanen bei Tschernihiw
- Radimitschen am oberen Dnepr und Desna
907
- Chorwaten am unteren Dnister
- Duleben am westlichen Bug
- Wjatitschen an der Oka bei Moskau
10. Jahrhundert
- Dregowitschen am mittleren Prypjat bei Turow
- Wolhynier am westlichen Bug um Wolyn und Wladimir
Kiewer Rus
Um 862 etablierten skandinavische Waräger ihre Herrschaft im Gebiet um Nowgorod und Ladoga. Zu den ersten erwähnten Stämmen gehörten die slawischen Ilmensee-Slowenen und Kriwitschen. In den folgenden Jahrzehnten dehnte die Rus ihr Herrschaftsgebiet über zahlreiche weitere slawische Stämme aus.
Ab 988 übernahm sie das orthodoxe Christentum nach byzantinischem Ritus. Gebräuchlich wurde die kyrillische Schrift.
Teilung des Gebietes
Ab 1340 kamen die westlichen Gebiete unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen und des Königreichs Polen. Die östlichen Gebiete blieben zunächst im Einflussbereich der Goldenen Horde.
Im Großfürstentum Litauen wurde die ruthenische Sprache gesprochen, die zur Vorläuferin des Ukrainischen und Belarussischen wurde. Im Osten entwickelte sich die russische Sprache.
Nach der Befreiung des östlichen Teils der Rus von der Tatarenherrschaft entwickelte sich zwischen den Großfürstentümern Moskau und Litauen eine Rivalität, um die Ostslawen unter ihrer jeweiligen Herrschaft erneut zu vereinen. Im Rahmen dieser Rivalität kam es zu mehreren russisch-litauischen und russisch-polnischen Kriegen.
Durch die Polnischen Teilungen konnte das Russische Reich beinahe alle ostslawischen Gebiete bis auf Galizien unter seine Herrschaft bringen.
Lebensweise
Die Ostslawen sprachen im Mittelalter die altostslawische Sprache. Sie lebten von Landwirtschaft und Jagd, wobei sie bereits früh anfingen, Städte und Burgen zu gründen. Deshalb hieß ihr Gebiet, durch das wichtige Handelsrouten entlang des verzweigten Flusssystems gingen, im altnordischen Sprachgebrauch Gardarike, ‚Reich der Städte‘.
