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Mineral aus der Klasse der Halogenide

Kalomel

Kalomel

Kalomel (IMA-Symbol Clo), auch als Calomel (im Englischen bis heute), Hornquecksilber, Merkurochlorid und anderen veralteten Bezeichnungen bekannt, ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Halogenide“ mit der chemischen Zusammensetzung Hg2Cl2 und damit chemisch gesehen Quecksilber(I)-chlorid.

Kalomel kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem und entwickelt kleine, flächenreiche Kristalle bis etwa einen Zentimeter Größe, deren komplexer Aufbau (Habitus) tafelig, prismatisch oder pyramidal sein kann. Daneben finden sich auch krustenförmige bzw. erdige Mineral-Aggregate.

In reiner Form ist Kalomel farblos und durchsichtig mit einem diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch Fremdbeimengungen eine gelblichgrau bis aschgrau oder braune Farbe annehmen. Unter Lichteinwirkung kann die Farbe nachdunkeln. Die Strichfarbe von Kalomel ist allerdings immer blass gelblichweiß.

Etymologie und Geschichte

Erste Erwähnung fand Kalomel bereits in den Aufzeichnungen von 1608 durch Beguin und 1609 durch Oswald Croll. Er soll jedoch schon den alten Tibetern bekannt gewesen sein. Wissenschaftlich beschrieben wurde das Mineral aber erst 1612 durch Théodore Turquet de Mayerne, der dem Mineral die Bezeichnung „schönes Schwarz“ gab. Der Name ist eine Zusammensetzung der altgriechischen Worte καλός kalos für „schön“ und μέλας melas für „schwarz“, der Legende nach inspiriert durch seinen schwarzen Sklaven, der Präparate dieser Substanz gut zu bereiten wusste.

Tatsächlich rührt der Name daher, dass das Quecksilber(I) im Kalomel leicht in elementares Quecksilber und Quecksilber(II) disproportioniert. Das sich bildende Quecksilber ist fein verteilt und sorgt dadurch für die schwarze Farbe. Die Disproportionierung kann durch Licht oder in wässrigen Lösungen durch Anheben des pH-Wertes geschehen. Zum Beispiel fällt beim Übergießen von Kalomel mit Ammoniaklösung feinverteiltes, schwarzes Quecksilber und weißes Quecksilber(II)-amidchlorid, sogenanntes unschmelzbares Präzipitat, aus:

{\displaystyle \mathrm {Hg_{2}Cl_{2}+2\ NH_{3}\longrightarrow Hg+[Hg(NH_{2})]Cl\downarrow +\ NH_{4}Cl} }
Kalomelreaktion mit Ammoniak

Als Typlokalität gilt der Moschellandsberg (kurz Landsberg) bei Obermoschel in Rheinland-Pfalz. Ein Aufbewahrungsort für das Typmaterial des Minerals ist jedoch nicht dokumentiert.

Da der Kalomel bereits lange vor der 1958 gegründeten International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und der Kalomel als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral bezeichnet. Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Kalomel lautet „Clo“.

Klassifikation

Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Kalomel zur Mineralklasse der „Halogenide“ und dort zur Abteilung „Einfache Halogenide“, wo er zusammen mit Coccinit die „Kalomel-Reihe“ mit der Systemnummer III/A.04 bildete.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer III/A.05-010. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Einfache Halogenide“, wo Kalomel zusammen mit Kuzminit und Moschelit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer III/A.05 bildet.

Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Kalomel in die bereits feiner unterteilte Abteilung der „Einfachen Halogenide ohne H2O“ ein. Diese ist zudem weiter unterteilt nach dem Stoffmengenverhältnis von Kationen (M) zu Anionen (X). Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „M: X = 1: 1 und 2: 3“ zu finden, wo es ebenfalls zusammen mit Kuzminit und Moschelit die nach ihm benannte „Kalomelgruppe“ mit der Systemnummer 3.AA.30 bildet.

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen und zuletzt 1997 veröffentlichten Systematik der Minerale nach Dana hat Kalomel die System- und Mineralnummer 09.01.08.01. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Halogenide“ und dort der Abteilung „Wasserfreie und hydratisierte Halogenide“, wo er zusammen Kuzminit und Moschelit in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 09.01.08 zu finden ist.

Kristallstruktur

Kalomel kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem in der Raumgruppe I4/mmm (Raumgruppen-Nr. 139) mit Gitterparametern a = 4,45 Å und c = 10,89 Å sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle.

Eigenschaften

Gelber, erdiger Kalomel aus der „Mariposa Mine“, Texas, USA (Sichtfeld: 5 mm)
Gelber, erdiger Kalomel aus der „Mariposa Mine“, Texas, USA (Sichtfeld: 5 mm)

Reiner Kalomel ist farblos. Er kann jedoch durch Verunreinigungen oder Beimengungen formelfremder Ionen von weißer, weißgelber bis graugelber oder brauner Farbe sein, die bei längerem Kontakt mit Luft allmählich nachdunkelt. Seine Optische Dispersion reicht an die des Diamanten und seine Doppelbrechung übertrifft die des gerade für diese Eigenschaft bekannten Calcits bei weitem.

Gegenüber Salz- und Salpetersäure ist Kalomel relativ unempfindlich, in Königswasser ist er jedoch löslich. Mit Sodalösung, Ammoniaklösung oder anderen alkalischen Lösungen behandelt fällt metallisches Quecksilber aus.

Beim Erhitzen auf 400 °C geht das Mineral direkt vom festen in den gasförmigen Zustand über.

Bildung und Fundorte

Kalomel auf Cinnabarit aus der Mine von Almadén, Spanien
Kalomel auf Cinnabarit aus der Mine von Almadén, Spanien

Kalomel bildet sich als Sekundärmineral durch Verwitterung primärer Quecksilberminerale.

Als seltene Mineralbildung konnte Kalomel nur an wenigen Orten nachgewiesen werden, wobei weltweit bisher rund 100 Vorkommen dokumentiert sind (Stand 2026). Neben seiner Typlokalität Moschellandsberg trat das Mineral in Deutschland noch im „Daimbacher Hof“ (ehemals „Alte Grube“ in Daimbach) bei Mörsfeld, am Potzberg, in der Grube „Frischer Mut“ bei Stahlberg und in der Grube „Christiansglück“ am Königsberg bei Wolfstein in Rheinland-Pfalz auf.

Weitere Fundorte sind unter anderem die „Chatsworth Mine“ bei Grassington in England, die „La Coipa Mine“ bei Diego de Almagro in Chile, die „Guilaizhuang Mine“ bei Pingyi in China, das Département Hérault in Frankreich, San Quirico in der Region Parma und die „Levigliani Mine“ bei Stazzema in Italien, die „Ainoura Mine“ in der japanischen Präfektur Nagasaki, an mehreren Stellen im Alai-Gebirge im kirgisischen Oblus Osch, in einigen Regionen von Mexiko; am Fluss Kelyana im Nördlichen Mujagebirge und am Ujuk in Ostsibirien sowie am Mutnovskoe auf Kamtschatka im Fernen Osten Russlands, die „Avala Mine“ in Serbien, an mehreren Stellen in der Region um Košice in der Slowakei, bei Almería und Almadén in Spanien, Neřežín im tschechischen Böhmen sowie in mehreren Regionen der Vereinigten Staaten von Amerika (US).

Verwendung

Größere, abbauwürdige Vorkommen von Kalomel sind nicht bekannt. Aus diesem Grund ist es als Quecksilbererz von untergeordnetem Interesse. Anwendungen des Minerals sind eher von historischem Interesse. So entdeckte William Alexander in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die antiseptische Wirkung von Quecksilber(II)-chlorid (auch Sublimat) und Kalomel. Unter dem Mikroskop beobachtete er Infusorien, die unter Einwirkung der beiden Substanzen in wenigen Minuten zugrunde gingen.

Weitere historische und medizinische Anwendungen finden sich unter → Quecksilber(I)-chlorid.

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Text aus der Wikipedia, CC BY-SA 4.0 · Quellartikel