Erwartungstreue (oft auch Unverzerrtheit, englisch unbiasedness) bezeichnet in der mathematischen Statistik eine Eigenschaft einer Schätzfunktion (kurz: eines Schätzers). Ein Schätzer heißt erwartungstreu, wenn sein Erwartungswert gleich dem wahren Wert des zu schätzenden Parameters ist. Ist eine Schätzfunktion nicht erwartungstreu, spricht man davon, dass der Schätzer verzerrt ist. Das Ausmaß der Abweichung seines Erwartungswerts vom wahren Wert nennt man Verzerrung oder Bias. Die Verzerrung drückt den systematischen Fehler des Schätzers aus.
Erwartungstreue zählt neben Konsistenz, Suffizienz und (asymptotischer) Effizienz zu den vier gebräuchlichen Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Schätzern. Des Weiteren gehört sie gemeinsam mit der Suffizienz und der Invarianz/Äquivarianz zu den typischen Reduktionsprinzipien der mathematischen Statistik.
Bedeutung
Die Erwartungstreue ist eine wichtige Eigenschaft eines Schätzers, da die Varianz der meisten Schätzer mit steigendem Stichprobenumfang gegen Null konvergiert. D. h. die Verteilung zieht sich um den Erwartungswert des Schätzers, und damit bei erwartungstreuen Schätzern um den gesuchten wahren Parameter der Grundgesamtheit, zusammen. Bei erwartungstreuen Schätzern können wir erwarten, dass die Differenz zwischen dem aus der Stichprobe berechneten Schätzwert und dem wahren Parameter umso kleiner ist, je größer der Stichprobenumfang ist.
Außer zur praktischen Beurteilung der Qualität von Schätzern ist der Begriff der Erwartungstreue auch für die mathematische Schätztheorie von großer Bedeutung. In der Klasse aller erwartungstreuen Schätzer gelingt es – unter geeigneten Voraussetzungen an das zugrundeliegende Verteilungsmodell –, Existenz und Eindeutigkeit bester Schätzer zu beweisen. Das sind erwartungstreue Schätzer, die unter allen möglichen erwartungstreuen Schätzern minimale Varianz haben.
Grundidee und einführende Beispiele

Um einen unbekannten reellen Parameter einer Grundgesamtheit zu schätzen, berechnet man in der mathematischen Statistik aus einer zufälligen Stichprobe
mit Hilfe einer geeignet gewählten Funktion
eine Schätzung
. Allgemein lassen sich geeignete Schätzfunktionen mit Hilfe von Schätzmethoden, z. B. der Maximum-Likelihood-Methode, gewinnen.
Da die Stichprobenvariablen Zufallsvariablen sind, ist auch der Schätzer
selbst eine Zufallsvariable.
Er wird erwartungstreu genannt, wenn der Erwartungswert dieser Zufallsvariable stets gleich dem Parameter
ist, egal welchen Wert
in Wirklichkeit hat.
Durch Erzeugen von Stichprobenwiederholungen kann die Verteilung des Schätzers untersucht werden.
Beispiel Stichprobenmittel
Zur Schätzung des Erwartungswertes der Grundgesamtheit wird üblicherweise das Stichprobenmittel
verwendet. Werden alle Stichprobenvariablen zufällig aus der Grundgesamtheit gezogen, so haben alle den Erwartungswert
. Damit berechnet sich der Erwartungswert des Stichprobenmittels zu
.
Das Stichprobenmittel ist also ein erwartungstreuer Schätzer des unbekannten Verteilungsparameters .
Falls die Grundgesamtheit normalverteilt ist mit Erwartungswert und Varianz
, dann lässt sich die Verteilung von
genau angeben. In diesem Fall gilt
das heißt, das Stichprobenmittel ist ebenfalls normalverteilt mit Erwartungswert und Varianz
. Ist der Stichprobenumfang
groß, so gilt aufgrund des zentralen Grenzwertsatzes diese Verteilungsaussage zumindest näherungsweise, auch wenn die Grundgesamtheit nicht normalverteilt ist. Die Varianz dieses Schätzers konvergiert also gegen 0, wenn der Stichprobenumfang
gegen unendlich geht.
Die Grafik rechts zeigt, wie sich für verschiedene Stichprobenumfänge die Verteilung der Stichprobenmittel immer weiter auf einen festen Wert zusammenzieht. Aufgrund der Erwartungstreue ist sichergestellt, dass dieser Wert der gesuchte Parameter
ist.
Beispiel relative Häufigkeit
Um zu schätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Merkmal in der Grundgesamtheit auftritt, wird daraus eine Stichprobe von Umfang
zufällig ausgewählt und die absolute Häufigkeit
des Merkmals in der Stichprobe ausgezählt. Die Zufallsvariable
ist dann binomialverteilt mit den Parametern
und
, insbesondere gilt für ihren Erwartungswert
. Für die relative Häufigkeit
folgt dann
das heißt, sie ist ein erwartungstreuer Schätzer der unbekannten Wahrscheinlichkeit
.
Definition
In der modernen, maßtheoretisch begründeten mathematischen Statistik wird ein statistisches Experiment durch ein statistisches Modell beschrieben. Dieses besteht aus einer Menge
, dem Stichprobenraum, zusammen mit einer σ-Algebra
und einer Familie
von Wahrscheinlichkeitsmaßen auf
.
Es sei ein Punktschätzer
sowie eine Funktion
gegeben (im parametrischen Fall die sogenannte Parameterfunktion), die jeder Wahrscheinlichkeitsverteilung die zu schätzende Kennzahl
(Varianz, Median, Erwartungswert etc.) zuordnet.
Dann heißt der Schätzer erwartungstreu, wenn
ist. Hierbei bezeichnet
den Erwartungswert bezüglich des Wahrscheinlichkeitsmaßes
.
In Anwendungen ist oft die Verteilung einer (reellen oder vektorwertigen) Zufallsvariable
auf einem Wahrscheinlichkeitsraum
mit einem unbekannten Parameter oder Parametervektor
. Ein Punktschätzer
für
in obigem Sinne ergibt dann eine Funktion
und diese heißt analog erwartungstreuer Schätzer, wenn gilt
wobei der Erwartungswert nun bezüglich gebildet wird.
Eigenschaften
Existenz
Erwartungstreue Schätzer müssen im Allgemeinen nicht existieren. Wesentlich hierfür ist die Wahl der Funktion . So kann bei unpassender Wahl der zu schätzenden Funktion die Menge der erwartungstreuen Schätzer klein sein, unsinnige Eigenschaften aufweisen oder leer sein.
Im Binomial-Modell
sind beispielsweise nur Polynome in von Grad kleinergleich n erwartungstreu schätzbar. Für zu schätzende Funktionen, die nicht von der Form
sind existiert also kein erwartungstreuer Schätzer.
Auch wenn ein erwartungstreuer Schätzer existiert, muss er kein praktisch sinnvoller Schätzer sein: Beispielsweise im Poisson-Modell
und bei Verwendung der zu schätzenden Funktion
ergibt sich als einziger erwartungstreuer Schätzer
.
Dieser Schätzer ist augenscheinlich sinnlos. Zu beachten ist hier, dass die Wahl der zu schätzenden Funktion nicht exotisch ist: Sie schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass dreimal in Folge (bei unabhängiger Wiederholung) kein Ereignis eintritt.
Struktur
Gegeben sei ein fixes statistisches Modell. Sei die Menge der erwartungstreuen Schätzer für die zu schätzende Funktion
und
die Menge aller Nullschätzer, also
.
Wählt man nun ein aus, so ist
.
Die Menge aller erwartungstreuen Schätzer für entstehen demnach aus einem erwartungstreuen Schätzer für
in Kombination mit den Nullschätzern.
Beziehung zu Verzerrung und MQF
Erwartungstreue Schätzer haben per Definition eine Verzerrung von Null:
.
Damit reduziert sich der mittlere quadratische Fehler zur Varianz des Schätzers:
.
Optimalität
Erwartungstreue an sich ist bereits ein Qualitätskriterium, da erwartungstreue Schätzer immer eine Verzerrung von Null haben und somit im Mittel den zu schätzenden Wert liefern. Sie haben also keinen systematischen Fehler. In der Menge der erwartungstreuen Schätzer reduziert sich das zentrale Qualitätskriterium für Schätzer, der mittlere quadratische Fehler, zu Varianz der Schätzer. Demnach vergleichen die beiden gängigen Optimalitätskriterien die Varianzen von Punktschätzern.
- Lokal minimale Schätzer vergleichen die Varianzen von Punktschätzern für ein vorgegebenes
. Ein Schätzer
heißt dann ein lokal minimaler Schätzer in
, wenn
- für alle weiteren erwartungstreuen Schätzer
gilt.
- Gleichmäßig bester erwartungstreue Schätzer verschärfen diese Forderung dahingehend, dass ein Schätzer
für alle
eine kleinere Varianz als jeder weitere erwartungstreue Schätzer haben soll. Es gilt dann also
- und alle erwartungstreuen Schätzer
.
Erwartungstreue vs. mittlerer quadratischer Fehler
Erwartungstreue Schätzer sind auf zwei Arten als „gut“ anzusehen:
- Einerseits ist ihre Verzerrung immer gleich null; sie haben demnach die wünschenswerte Eigenschaft, keinen systematischen Fehler aufzuweisen.
- Andererseits ist aufgrund der Zerlegung des mittleren quadratischen Fehlers in Verzerrung und Varianz der mittlere quadratische Fehler eines erwartungstreuen Schätzers immer automatisch klein, da die Verzerrung wegfällt.
Allerdings können nicht immer beide Ziele (Erwartungstreue und minimaler quadratischer Fehler) gleichzeitig erfüllt werden. So ist im Binomialmodell mit
ein gleichmäßig bester erwartungstreuer Schätzer gegeben durch
.
Der Schätzer
ist nicht erwartungstreu und folglich verzerrt, besitzt aber für Werte von nahe an
einen geringeren mittleren quadratischen Fehler.
Es können also nicht immer Verzerrung und mittlerer quadratischer Fehler gleichzeitig minimiert werden.
Schätzer mit Verzerrung
Es ergibt sich aus der Definition, dass „gute“ Schätzer zumindest näherungsweise erwartungstreu sein, sich also dadurch auszeichnen sollen, dass sie im Mittel nah am zu schätzenden Wert liegen. Üblicherweise ist Erwartungstreue jedoch nicht das einzige wichtige Kriterium für die Qualität eines Schätzers; so sollte er beispielsweise auch eine kleine Varianz haben, also möglichst gering um den zu schätzenden Wert schwanken. Zusammengefasst ergibt sich das klassische Kriterium einer minimalen mittleren quadratischen Abweichung für optimale Schätzer.
Die Verzerrung eines Schätzers
ist definiert als Differenz zwischen seinem Erwartungswert und der zu schätzenden Größe:
Sein mittlerer quadratischer Fehler ist
Der mittlere quadratische Fehler ist gleich der Summe des Quadrats der Verzerrung und der Varianz des Schätzers:
In der Praxis kann eine Verzerrung zwei Ursachen haben:
- einen systematischen Fehler, beispielsweise ein nicht-zufälliger Messfehler in der Apparatur, oder
- einen zufälligen Fehler, dessen Erwartungswert ungleich
ist.
Zufällige Fehler können tolerabel sein, wenn sie dazu beitragen, dass der Schätzer eine kleinere minimale quadratische Abweichung als ein unverzerrter besitzt.
Asymptotische Erwartungstreue
In der Regel ist es nicht von Bedeutung, dass ein Schätzer erwartungstreu ist. Die meisten Resultate der mathematischen Statistik gelten erst asymptotisch, also wenn der Stichprobenumfang ins Unendliche wächst. Daher ist es in der Regel ausreichend, wenn Erwartungstreue im Grenzwert gilt, d. h. für eine Folge von Schätzern die Konvergenzaussage
gilt.
Weiteres Beispiel: Stichprobenvarianz im Normalverteilungsmodell
Ein typisches Beispiel sind Schätzer für die Parameter von Normalverteilungen. Man betrachtet in diesem Fall die parametrische Familie
mit
und
,
wobei die Normalverteilung mit Erwartungswert
und Varianz
ist. Üblicherweise sind Beobachtungen
gegeben, die stochastisch unabhängig sind und jeweils die Verteilung
besitzen.
Wie bereits gesehen, ist das Stichprobenmittel ein erwartungstreuer Schätzer von
.
Für die Varianz erhält man als Maximum-Likelihood-Schätzer
. Dieser Schätzer ist allerdings nicht erwartungstreu, da sich
zeigen lässt (siehe Stichprobenvarianz (Schätzfunktion)#Erwartungstreue). Die Verzerrung beträgt also
. Da diese asymptotisch, also für
, verschwindet, ist der Schätzer allerdings asymptotisch erwartungstreu.
Darüber hinaus kann man in diesem Fall den Erwartungswert der Verzerrung genau angeben und folglich die Verzerrung korrigieren, indem man mit multipliziert (sog. Bessel-Korrektur), und erhält so einen Schätzer für die Varianz, der auch für kleine Stichproben erwartungstreu ist.
Im Allgemeinen ist es jedoch nicht möglich, die erwartete Verzerrung exakt zu bestimmen und somit vollständig zu korrigieren. Es gibt aber Verfahren, um die Verzerrung eines asymptotisch erwartungstreuen Schätzers für endliche Stichproben zumindest zu verringern, zum Beispiel die sogenannte Jackknife-Methode.
Aufbauende Begriffe
Ein erwartungstreuer Schätzer heißt ein regulärer erwartungstreuer Schätzer, wenn
gilt. bezeichnet hier die Dichtefunktion zum Parameter
. Differentiation und Integration sollen also vertauschbar sein. Reguläre erwartungstreue Schätzer spielen eine wichtige Rolle in der Cramér-Rao-Ungleichung.
Verallgemeinerungen
Eine Verallgemeinerung der Erwartungstreue ist die L-Unverfälschtheit, sie verallgemeinert die Erwartungstreue mittels allgemeinerer Verlustfunktionen. Bei Verwendung des Gauß-Verlustes erhält man die Erwartungstreue als Spezialfall, bei Verwendung des Laplace-Verlustes die Median-Unverfälschtheit.
