Bayerische Poststempel sind historische Poststempel und Abstempelungen, die im bayerischen Postgebiet verwendet wurden. In der Philatelie bezeichnet der Begriff vor allem Stempel des Königreichs Bayern und der bayerischen Post- und Briefmarkengeschichte. Besonders bekannt sind die bayerischen Mühlradstempel, deren volle Form nach Johann Wilhelm Stündt mit Entschließung vom 23. Juli 1850 zum 1. August 1850 eingeführt wurde.
Das historische bayerische Postgebiet ist nicht mit dem Gebiet des heutigen Freistaats Bayern gleichzusetzen. Dazu gehörte auch die linksrheinische Pfalz, die 1816 als Bayerischer Rheinkreis zum Königreich Bayern kam und seit 1838 amtlich Pfalz hieß. Deshalb erscheinen in bayerischen Stempelverzeichnissen auch Orte wie Ludwigshafen am Rhein, Speyer oder Zweibrücken, die heute in Rheinland-Pfalz liegen.
Frühe Ortsstempel

Vor der Einführung der bayerischen Briefmarken wurden auf Briefen vor allem Ortsstempel verwendet. Einzeilige Stempel mit Ortsnamen gehören zur vorphilatelistischen Zeit, wurden aber auch noch im Umfeld der ersten bayerischen Briefmarkenausgaben benutzt. Nach der Ausgabe der ersten bayerischen Briefmarken im Jahr 1849 dokumentierte der Ortsstempel weiterhin Aufgabeort und Datum.
Halbkreisstempel



Halbkreisstempel zeigen den Ortsnamen in einem bogenförmigen Schriftzug über dem Datum. Sie sind für die bayerische Vormarken- und frühe Kreuzerzeit charakteristisch und erscheinen sowohl auf Briefen als auch auf den frühen bayerischen Kreuzer-Ausgaben. Die Beispiele zeigen unterschiedliche Schriftformen und Verwendungen auf Briefmarken und Briefen.
Mühlradstempel












Die bayerischen Mühlradstempel gehören zu den Nummernstempeln. Sie enthielten keine Ortsangabe, sondern eine Nummer. Stündt weist deshalb darauf hin, dass bei einem Nummernstempel auf einer losen Marke nicht immer sicher auf den Aufgabeort geschlossen werden kann, besonders wenn die betreffende Nummer ihren Standort gewechselt hat. Für die sichere Bestimmung sind vollständige Briefe, Briefstücke und zusätzliche Ortsstempel daher besonders wichtig.
Volle Mühlradstempel
Die erste Form waren volle, auch geschlossene Mühlradstempel. Sie wurden nach Stündt mit Entschließung vom 23. Juli 1850 am 1. August 1850 eingeführt. Zunächst kamen die Nummern 1 bis 402 in Verwendung. Mit neu eingerichteten Postanstalten wurde das Verzeichnis ergänzt; als erstes Verzeichnis nennt Stündt die vollen Mühlradstempel mit den Nummern 1 bis 603.
Offene Mühlradstempel
Wegen der vielen Ergänzungen wurde das Nummernsystem Ende 1856 neu eingeteilt. Stündt datiert diese Neueinteilung auf die Zeit vom 20. November bis zum 1. Dezember 1856. In dieser Übergangszeit mussten die Postanstalten ihre Nummernstempel an die Zentrale in München einliefern; abgestempelt wurde nur mit Ortsstempeln. Ab dem 1. Dezember 1856 wurde nach dem neuen Verzeichnis gestempelt, das die vollen Mühlradstempel mit den Nummern 1 bis 606 umfasste.
Später ging man zum offenen Mühlradstempel über. Nach Stündt erhielten neu eingerichtete Poststationen ab Nummer 607 offene Mühlradstempel; unbrauchbar gewordene volle Mühlradstempel wurden ebenfalls durch offene ersetzt. Als drittes Verzeichnis nennt er die offenen Mühlradstempel mit den Nummern 1 bis 922.
Bayerische Mühlradstempel sind damit ein Spezialgebiet der deutschen Philatelie. Vergleichbare codierte Entwertungen gab es auch in anderen Postverwaltungen, etwa bei den britischen Nummernstempeln. Für ein anderes altdeutsches Postgebiet behandelt der Artikel Braunschweiger Poststempel entsprechende Formen der braunschweigischen Postgeschichte.
Bahnpost und besondere Entwertungen

Neben gewöhnlichen Orts- und Nummernstempeln gab es besondere Entwertungen, etwa für die Bahnpost. Solche Stempel dokumentieren nicht nur den Stempelabschlag auf einem Postwertzeichen, sondern auch den postalischen Zusammenhang des Belegs.
Ortsstempel seit der späten Kreuzerzeit












In der späten Kreuzerzeit und in der Pfennigzeit kamen neben den Nummernstempeln zahlreiche Ortsstempelformen vor. Sie enthalten meist den Ortsnamen, Datum und Uhrzeit oder Tageszeitangaben wie „Vor“ für Vormittag und „Nm“ für Nachmittag. Die folgenden Beispiele zeigen verzierte Zweikreis-Ortsstempel, Einkreisstempel, Zweikreisstempel und Stegstempel aus der bayerischen Markenzeit.
Ein Beispiel für einen verzierten Zweikreis-Ortsstempel ist der Nürnberger Abschlag vom 29. März 1860.
Einkreisstempel
Einkreisstempel bestehen aus einem einfachen Kreis mit Ortsnamen, Datum und häufig einer Zeitangabe. Kleinere Formen werden in der philatelistischen Literatur auch als Fingerhutstempel bezeichnet.
Zweikreisstempel
Zweikreisstempel zeigen den Ortsnamen zwischen zwei Kreislinien. In der bayerischen Pfennigzeit wurde der Monat häufig mit drei Buchstaben angegeben.
Stegstempel
Eine spätere Form ist der Stegstempel, bei dem das Datum in einem waagerechten Steg innerhalb des Kreisstempels steht. Solche Formen gehören zu den häufigen Stempelbildern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Philatelistische Bedeutung
Bei bayerischen Poststempeln ist die Zuordnung von Stempelform, Nummer, Ort und Verwendungszeit besonders wichtig. Stündt betonte bereits 1917 die Bedeutung vollständiger Briefe gegenüber losen Marken, weil frühere Stempel nicht immer Jahreszahlen oder Ortsangaben enthalten und Nummernstempel ihren Standort wechseln konnten.
Besonders aussagekräftig sind klare Abschläge auf vollständigen Briefen, Belege kleiner Postorte, frühe oder späte Verwendungen und Stücke, die besondere Beförderungswege wie die Bahnpost dokumentieren. Die bayerischen Mühlradstempel bilden dabei ein eigenständiges Sammelgebiet innerhalb der altdeutschen Philatelie.
